Die stille Überzeugung
Berkshire kauft Japan – und Greg Abel macht weiter. Was Privatanleger aus der langfristig klügsten Wette des Jahrhunderts lernen können.
Es gibt Investmententscheidungen die erst im Rückblick brillant aussehen. Und es gibt solche die es von Anfang an waren – nur dass die wenigsten sie damals sahen.
Als Berkshire Hathaway 2019 begann, Anteile an fünf japanischen Handelshäusern aufzubauen, hatte der japanische Aktienmarkt seit fast drei Jahrzehnten kaum gewachsen. Die sogenannten „verlorenen Jahrzehnte" standen für Stagnation, deflationäre Kräfte und mangelnde Kapitaleffizienz japanischer Konzerne. Kein offensichtlicher Ort für einen der besten Investoren der Welt.
Inzwischen ist aus dieser stillen Wette eine der größten Überzeugungspositionen in Berkshires Geschichte geworden – und sie hat einen neuen Kapitän bekommen.
Die fünf Unternehmen – und was sie wirklich sind
Wer mit Sogo-Shosha wenig anfangen kann, ist in guter Gesellschaft. Diese Unternehmensform existiert in dieser Ausprägung weltweit nur in Japan. Am ehesten lassen sie sich als hochdiversifizierte Industrie-Konglomerate beschreiben – aber selbst das trifft es nicht vollständig.
Mitsubishi, Mitsui, Itochu, Sumitomo und Marubeni operieren gleichzeitig als Handelshaus, Rohstoffproduzent, Infrastrukturinvestor, Finanzdienstleister und Logistik-Netzwerk. Während in den USA oder Europa zwei Drittel aller börsennotierten Unternehmen als „Pure Plays" in einem einzigen Sektor agieren, sind es in Japan nur ein Drittel. Der durchschnittliche japanische Konzern ist in 2,3 Sektoren gleichzeitig tätig – gegenüber 1,5 in Amerika und Europa.
Was nach Komplexität klingt, ist in Wahrheit strukturelle Resilienz. Mitsuis Lebensmittelgeschäfte puffern Rohstoffverluste ab. Itochusʼ FamilyMart-Beteiligung erzeugt stabilen Cashflow unabhängig vom Rohstoffzyklus. Diese Diversifikation schafft ein Geschäftsmodell das in vielen Marktphasen gleichzeitig funktioniert.
Buffett brachte es 2023 auf den Punkt: „Ich dachte einfach, dies wären große Unternehmen. In gewisser Weise ähnlich wie Berkshire, da sie viele verschiedene Interessen besaßen. Und sie wurden zu einem meiner Meinung nach lächerlichen Preis gehandelt."
Kapitalfalke Insight: Sogo-Shosha sind keine Rohstoffwetten und keine zyklischen Titel. Sie sind diversifizierte Industrieplattformen mit strukturell stabilen Cashflows – eine Kategorie die im westlichen Investmentuniversum kaum ein Pendant hat.
Warum jetzt besonders relevant – die Staffelübergabe
Mit Beginn des Jahres 2026 hat Warren Buffett sich von seinem CEO-Posten zurückgezogen und die Leitung von Berkshire Hathaway an seinen Nachfolger Greg Abel übertragen. Damit entsteht die naheliegende Frage: Hält Abel an dieser Überzeugung fest – oder waren die Japan-Positionen eine persönliche Buffett-Entscheidung?
Die Antwort kam schnell und unmissverständlich. Abel stellte die Sogo-Shosha in seinem ersten Brief an die Berkshire-Aktionäre Anfang 2026 auf eine Stufe mit den wichtigsten US-Beteiligungen der Investmentholding – Unternehmen wie Apple, American Express und Coca-Cola.
Das ist keine Kontinuitätsgeste. Das ist eine strategische Bestätigung. Buffett selbst hatte in seinem letzten Aktionärsbrief geschrieben: „Ich gehe davon aus, dass Greg und seine Nachfolger diese japanische Position viele Jahrzehnte lang innehaben werden."
Die Japan-These ist damit nicht an eine einzelne Person geknüpft. Sie ist institutionalisiert.
Kapitalfalke Insight: Die Staffelübergabe von Buffett an Abel ist der entscheidende Qualitätstest für jede Berkshire-Position. Dass Abel Japan explizit in seinem ersten Aktionärsbrief hervorhebt, ist das stärkste Signal das er hätte senden können.
Die operative Logik – und der clevere Carry
Berkshire hält inzwischen Beteiligungen zwischen 8,5 und knapp über 10 Prozent an allen fünf Unternehmen – ein Gesamtinvestment von 23,5 Milliarden Dollar. Das macht Japan nach den USA zu Berkshires zweitgrößtem geographischen Exposure.
Die Finanzierungsstruktur dahinter ist ein Lehrstück in kapitaleffizienter Konstruktion. Berkshire finanzierte den Großteil der Käufe über Yen-Anleihen zu Zinsen von rund einem Prozent. Die Dividendenrenditen der japanischen Handelshäuser lagen dagegen bei rund vier Prozent.
Die konkrete Arithmetik: Im Jahr 2025 flossen Berkshire insgesamt 862 Millionen Dollar an Dividenden aus diesen Positionen zu. Die Zinskosten der Yen-Schulden beliefen sich laut Buffetts eigenem Aktionärsbrief auf lediglich 135 Millionen Dollar.
Der Carry-Trade arbeitet also täglich für Berkshire – ganz unabhängig davon was die Aktienkurse kurzfristig machen. Und auf diese Erträge kamen noch Kursgewinne in erheblicher Höhe: In sechs Jahren hat Berkshire mit dieser Wette 24 Milliarden Dollar verdient.
Kapitalfalke Insight: Die Finanzierungsstruktur über Yen-Anleihen ist kein Hedge-Fonds-Instrument – sie ist klassisches Berkshire-Denken. Günstige Verbindlichkeiten gegen stabile Erträge stellen, während der Kapitalzuwachs als Bonus obendrauf kommt. Das Modell funktioniert solange die Zinsdifferenz zwischen Japan und dem Rest der Welt bestehen bleibt.
Die Investment-Treiber – warum die These strukturell ist
Drei Faktoren machen die Japan-Position interessanter als nur einen erfolgreichen historischen Trade.
Corporate Governance Reform: Die Tokioter Börse hat seit 2020 Unternehmen mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis unter eins verpflichtet, ihre Kapitaleffizienz zu steigern oder Delistings zu riskieren. Diese Vorgabe hat die Handelshäuser dazu veranlasst, aggressivere Aktienrückkaufprogramme und Dividendenerhöhungen umzusetzen. Mitsuis Eigenkapitalrendite kletterte auf 12,4 Prozent. Mitsubishis Dividendenrendite übersteigt inzwischen drei Prozent. Die Reform wirkt – und sie ist noch nicht abgeschlossen.
Geopolitische Diversifikation: In einer Welt in der die Abhängigkeit von einzelnen Lieferketten zum Risikofaktor geworden ist, sind die Sogo-Shosha strukturell gut positioniert. Sie verfügen über globale Netzwerke für Rohstoffe, Energie und Infrastruktur die sich nicht schnell replizieren lassen.
Goldman Sachs hat diesem Trend Anfang 2026 einen Namen gegeben: HALO – Heavy Assets, Low Obsolescence. Gemeint sind Unternehmen mit schweren, schwer ersetzbaren physischen Assets. Seit Anfang 2025 haben solche Unternehmen ihre kapitalleichten Pendants um rund 35 Prozent übertroffen. Die Begründung ist einfach: Was sich nicht kopieren lässt, wird in einer Welt fragiler Lieferketten wieder wertvoller. Die Sogo-Shosha sind das Lehrbuchbeispiel dafür.
Bewertungspolster trotz Performance: Trotz der starken Kursentwicklung der vergangenen Jahre attestieren Analysten den Unternehmen noch immer Aufwärtspotenzial. Morningstar-Analysten schätzen, dass die Sogo-Shosha noch immer um mehr als 20 Prozent unterbewertet sind.
Kapitalfalke Insight: Die stärkste Investment-These ist die, die von mehreren unabhängigen Treibern gleichzeitig gestützt wird. Governance-Reform, geopolitische Resilienz und verbleibende Bewertungsattraktivität sind drei solcher Treiber – sie wirken unabhängig voneinander.
Wettbewerbsvorteile – was diese Unternehmen schützt
Der Burggraben der Sogo-Shosha liegt nicht in einer patentierten Technologie oder einem überlegenen Produkt. Er liegt in der Tiefe ihrer globalen Netzwerke und der Breite ihrer Kundenbeziehungen – beides aufgebaut über Jahrzehnte und nicht kurzfristig replizierbar.
Itochu betreibt FamilyMart mit über 20.000 Filialen in Asien. Mitsubishi hält Beteiligungen in der Automobilbranche, im Energiesektor und in der Chemie auf allen Kontinenten gleichzeitig. Mitsuis Nahrungsmittelgeschäft versorgt Teile der asiatischen Lebensmittelversorgungskette. Diese Verflechtungen schaffen stabile, wiederkehrende Ertragsströme die unabhängig von einzelnen Konjunkturzyklen funktionieren.
Dazu kommt das strukturelle Alleinstellungsmerkmal: Sogo-Shosha halten gegenseitige Kreuzbeteiligungen an hunderten ihrer Tochter- und Partnerunternehmen. Diese Verflechtung, die in vielen westlichen Jurisdiktionen so nicht erlaubt wäre, schafft ein stabiles Netzwerk das externe Störungen absorbiert.
Kapitalfalke Insight: Netzwerke und globale Rohstoff-Infrastruktur gehören zu den wenigen echten Burggraben-Qualitäten die sich im 21. Jahrhundert nicht durch Software oder Kapital allein aushebeln lassen. Das macht Sogo-Shosha zu einer anderen Kategorie von Asset als die meisten westlichen Vergleichsunternehmen.
Bewertung – wo die Titel aktuell stehen
Die Bewertungen der fünf Handelshäuser sind nach der starken Kursentwicklung nicht mehr so eindeutig günstig wie beim Berkshire-Einstieg 2019. Damals waren KGVs unter zehn die Regel. Heute sind die Werte gestiegen – aber im globalen Vergleich noch immer moderat.
Itochu handelt aktuell zu einem KGV von rund 15, Mitsui bei etwa 21, Mitsubishi bei rund 27. Die Dividendenrenditen liegen je nach Titel zwischen drei und vier Prozent. Für Unternehmen mit stabilen, diversifizierten Geschäftsmodellen und strukturellem Rückenwind durch japanische Governance-Reformen sind das keine überteuerten Bewertungen – aber auch keine offensichtlichen Schnäppchen mehr.
Wichtig für europäische Anleger: Der Yen-Kurs spielt eine relevante Rolle. Kursgewinne auf Tokioter Yen-Basis können durch Yen-Schwäche gegenüber Euro oder Franken teilweise oder vollständig aufgezehrt werden. Berkshire hat dieses Währungsrisiko elegant gelöst indem es Yen-Anleihen emittiert hat – ein Mechanismus der für Privatanleger direkt nicht zugänglich ist.
Kapitalfalke Insight: Die Sogo-Shosha sind nach der starken Performance keine klassischen Value-Einstiege mehr. Sie sind faire Bewertungen für strukturell überdurchschnittliche Unternehmen – was sie zu einer anderen, aber noch immer validen Investment-These macht.
Risiken – und woran man sie erkennt
Yen-Stärke: Steigt der Yen gegenüber Euro oder Dollar signifikant an, verteuert sich der Einstieg für westliche Anleger nachträglich. Gleichzeitig profitiert Berkshire durch seine Yen-Anleihen von Yen-Schwäche – Privatanleger haben diesen Schutz nicht.
Worauf du achten solltest: Yen/Euro-Wechselkurs und japanische Zinspolitik der Bank of Japan.
Rohstoff-Zyklizität: Trotz ihrer Diversifikation bleibt ein relevanter Teil der Erträge aller fünf Häuser an Rohstoffpreise geknüpft. Ein anhaltend deflationäres Rohstoffumfeld würde die Margen belasten.
Worauf du achten solltest: Quartalsergebnisse im Segment Energie und Bergbau, insbesondere bei Mitsui und Mitsubishi.
Reform-Rückschlag: Die japanischen Corporate-Governance-Reformen sind noch im Gang. Politischer Gegenwind oder eine Verlangsamung der Reformdynamik könnte den Bewertungsaufholprozess verlangsamen.
Worauf du achten solltest: TSE-Berichte zu Compliance-Quoten und Ankündigungen zur Reformgesetzgebung.
Geopolitik Japan-China: Ein Großteil der Sogo-Shosha-Aktivitäten spielt sich im asiatischen Raum ab, mit erheblichem China-Exposure. Eine Verschärfung der geopolitischen Spannungen zwischen Japan und China würde Handelsvolumina und Beteiligungswerte belasten.
Worauf du achten solltest: Entwicklung sino-japanischer Handelsbeziehungen und US-Zollpolitik gegenüber Asien.
Kapitalfalke-Fazit
Die Japan-These von Berkshire Hathaway ist eine der lehrreichsten Investment-Geschichten der vergangenen zehn Jahre – nicht weil sie so viel Geld verdient hat, sondern weil sie so viel zeigt was gutes langfristiges Investieren ausmacht.
Buffett kaufte wo niemand hinschaute. Er finanzierte clever. Er wartete geduldig. Und er wählte Unternehmen die er verstand und die strukturell ähnlich wie Berkshire selbst aufgestellt waren. Das Ergebnis: 24 Milliarden Dollar Gewinn in sechs Jahren, laufende Dividendenerträge die die Finanzierungskosten sechsfach übersteigen, und eine Position die unter dem neuen CEO Greg Abel ausdrücklich als Kernbestand fortgeführt wird.
Für Privatanleger ist die wichtigste Erkenntnis daraus keine Kaufempfehlung für einzelne Titel. Es ist das Prinzip dahinter: Stabile, diversifizierte Geschäftsmodelle in strukturell vernachlässigten Märkten, finanziert mit geduldiger Überzeugung und einem langen Zeithorizont.
Wer die fünf japanischen Handelshäuser heute analysiert, sollte das mit offenen Augen tun. Die günstigen KGVs von 2019 sind Geschichte. Was bleibt, sind solide Unternehmen mit strukturellen Reformen im Rücken, einem mächtigen Ankerinvestor der explizit auf Jahrzehnte denkt – und einer Dividendenrendite die auch ohne Kursphantasie vertretbar ist.
Die Japan-These ist nichts für schnelle Gewinne – aber für Anleger die langfristig denken und abseits des Mainstreams suchen, ist sie eine der überzeugendsten Ideen der vergangenen Dekade.
Was wir beobachten werden: Die Entwicklung der japanischen Governance-Reformen, Berkshires weitere Positionsaufbau in den nächsten 13F-Filings – und ob Greg Abel tatsächlich das einlöst was er in seinem ersten Aktionärsbrief versprochen hat.
Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Alle Inhalte spiegeln die Einschätzung des Kapitalfalke Research Teams zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wider. Investitionsentscheidungen sollten auf eigener Recherche oder nach Rücksprache mit einem qualifizierten Finanzberater getroffen werden.
Niko Repp · Kapitalfalke · Unabhängige Marktanalysen für langfristige Investoren