Wenn Hoffnung handelt
Zwei Wochen können in der Geopolitik eine Ewigkeit sein. Anfang April stand der Markt vor einer längeren Belastungsprobe. Die Straße von Hormuz war blockiert, Ölpreise stiegen, Inflationsängste kehrten zurück. Der S&P 500 hatte sieben Prozent verloren, Portfolios litten, und der Fear & Greed Index war auf 15 gefallen – Extreme Fear, wie es im Lehrbuch steht.
Dann kam der Waffenstillstand. Und heute, am 17. April, die Nachricht: Iran öffnet die Straße von Hormuz vollständig für den Rest der Waffenruhe. Die Märkte reagierten, als sei der Konflikt Geschichte. S&P 500 und Nasdaq auf neuen Allzeithochs. Tech rallied zurück. Fear & Greed Index bei 69 – von maximaler Angst zu offener Gier in vierzehn Tagen.
Die Frage ist nur: Was kaufen die Anleger da eigentlich gerade?
Markt-Snapshot
Die Zahlen wirken beeindruckend. Der S&P 500 steht bei 7.046 Punkten, ein neues Allzeithoch. Die Nasdaq hat seit Ende März fünfzehn Prozent zugelegt und ebenfalls neue Rekorde markiert. Der Dow Jones hinkt leicht hinterher, ist aber erstmals seit Kriegsbeginn wieder im Plus für 2026.
Der VIX, das klassische Angstbarometer, ist an zehn von zwölf Handelstagen gefallen. Ölpreise haben sich von ihren Hochs zurückgezogen – WTI handelt bei rund 90 Dollar, Brent bei 95 Dollar. Immer noch deutlich über Vorkriegsniveau, aber weit entfernt von den 101 Dollar, die der Markt Anfang April gesehen hat.
Die Zinsen fallen. Die zehnjährige US-Treasury notiert heute bei 4,23 Prozent – ein deutlicher Rückgang von den 4,3 Prozent der Vorwoche. Fallende Yields bedeuten steigende Anleihenkurse. Das heißt: Auch der Anleihenmarkt kauft die Hoffnung. Investoren preisen ein, dass niedrigere Energiepreise die Inflation eindämmen und der Fed mittelfristig doch Spielraum für Zinssenkungen geben könnten.
Darin liegt eine der wichtigsten Botschaften dieser Woche: Aktien und Anleihen sind sich einig. Beide glauben an das Happy End. Das ist entweder ein starkes Konsenssignal – oder ein Zeichen dafür, dass zu viele dasselbe Szenario einpreisen.
Der Waffenstillstand, den keiner erwartete
Am 8. April verkündeten die USA und Iran einen zweiwöchigen Waffenstillstand, vermittelt von Pakistan. Das war an sich schon überraschend. Dass Iran heute, neun Tage später, die Straße von Hormuz wieder für kommerziellen Verkehr öffnet, ist der eigentliche Katalysator für die Rally.
Zwanzig Prozent des global gehandelten Öls passieren diese Meerenge täglich. Ihre Blockade war kein symbolischer Akt – sie war ein Würgegriff an der Weltwirtschaft. Europa, ohnehin strukturell abhängig von Energieimporten, spürte den Druck sofort. Die Industrieproduktion litt, Transportkosten stiegen, und die Inflationsrate im März kletterte auf 3,3 Prozent, getrieben von einem monatlichen Anstieg der Verbraucherpreise um 0,9 Prozent – dem höchsten seit Juni 2022.
Die Öffnung der Straße normalisiert diesen Schock. Zumindest vorerst. Denn der Waffenstillstand endet in fünf Tagen, am 22. April. Was dann passiert, ist offen. Iran hat klar gemacht, dass es keinen temporären Frieden will, sondern einen dauerhaften. Trump nennt die Verhandlungen „very good" und spricht von einem „historic day". Aber das hat er auch über andere Deals gesagt, die dann geplatzt sind.
Der Markt preist gerade ein, dass die Diplomatie funktioniert. Das ist nicht unvernünftig – Pakistan, Saudi-Arabien und China arbeiten aktiv an einer Verlängerung. Aber es ist eine Wette auf ein bestimmtes Szenario. Und Wetten können schiefgehen.
Die Rotation, die keine war
Interessant ist, was am Markt gerade nicht passiert. Energie war im ersten Quartal 2026 mit einem Plus von fast 38 Prozent der mit Abstand stärkste Sektor. Exxon stieg um 26 Prozent, Chevron um 22 Prozent, und selbst kleinere Energiewerte profitierten massiv von steigenden Ölpreisen und strategischer Relevanz.
Dann kam der Waffenstillstand – und Energie wird brutal abverkauft. Der iShares S&P 500 Energy Sector ETF verliert heute allein 5,86 Prozent. Das ist kein Gewinnmitnahme-Rauschen. Das ist eine Sektor-Kapitulation. Der Markt behandelt das Thema, als sei es „gelöst" – und dreht auf der Stelle um. Tech hingegen kommt zurück. Software-Aktien wie Oracle und Palantir hatten bereits in der vergangenen Woche zweistellige Gewinne verbucht, die Nasdaq outperformt deutlich, und Growth-Werte, die unter dem Inflationsdruck gelitten hatten, werden wieder gekauft.
Die Logik dahinter ist simpel: Niedrigere Energiepreise sind gut für Margen. Weniger Inflationsdruck bedeutet, dass die Fed irgendwann doch Zinsen senken könnte. Und wenn Zinsen sinken, profitieren hochbewertete Wachstumswerte überproportional. So weit die Theorie.
Aber die Realität ist komplizierter. Energie als Makrofaktor ist nicht vorbei – es pausiert nur. Datencenter, die für KI-Training gebaut werden, brauchen gigantische Mengen an Strom. Europa bleibt strukturell abhängig von Energieimporten und wird nach diesem Schock seine Versorgung überdenken müssen. Und geopolitische Risiken verschwinden nicht, nur weil zwei Wochen lang nicht geschossen wird.
Wer Energie jetzt komplett aus dem Portfolio wirft, weil „das Thema durch ist", könnte in drei Monaten überrascht sein. Wer nur Tech kauft, weil die Rally läuft, sollte sich fragen, was passiert, wenn der Waffenstillstand nicht verlängert wird.
Aktie auf der Watchlist: ServiceNow
Es gibt Insider-Käufe, und es gibt Insider-Käufe. Was Bill McDermott, CEO von ServiceNow, Ende Februar gemacht hat, gehört zur zweiten Kategorie.
McDermott kaufte am 27. Februar für drei Millionen Dollar ServiceNow-Aktien am freien Markt. Nicht als Teil eines Vergütungspakets. Nicht durch Optionsausübung. Sondern als offener Kauf bei einem Kurs von 104,60 Dollar. Und dann verkündete er, dass er bis 2030 an der Spitze des Unternehmens bleiben wird.
Das ist keine Portfoliooptimierung. Das ist Conviction.
ServiceNow ist ein Enterprise-Software-Unternehmen, das Workflow-Automatisierung für IT-, HR- und Kundenservice-Prozesse anbietet. Klingt nach Nische, ist aber ein Milliardengeschäft. Die sogenannten Remaining Performance Obligations – also vertragliche Umsätze, die in den kommenden Quartalen realisiert werden – liegen bei 12,9 Milliarden Dollar. Das ist dreimal so viel wie 2021.
Trotzdem ist die Aktie deutlich gefallen. Der Grund: Generelle Tech-Schwäche, Sorgen um KI-Disruption, und die Angst, dass Unternehmen in einer schwächeren Konjunktur Software-Ausgaben kürzen könnten.
McDermott sieht das anders. Und er hat einen konkreten Plan: NOW Assist, das KI-gestützte Automatisierungsprodukt von ServiceNow, macht bereits 600 Millionen Dollar Annual Recurring Revenue. Das Unternehmen erwartet, dass sich diese Zahl 2026 verdoppelt. Dazu kommt ein fünf Milliarden Dollar schweres Aktienrückkaufprogramm.
Die Rechnung ist simpel: Wenn McDermott recht hat und ServiceNow tatsächlich die Enterprise-KI-Welle reitet, dann war sein Kauf bei einem historisch niedrigen Multiple ein Volltreffer. Wenn er falsch liegt, hat er drei Millionen Dollar verbrannt – und seine Glaubwürdigkeit dazu.
Für Anleger ist das Signal eindeutig: Ein CEO, der so viel eigenes Geld investiert, glaubt nicht an eine schnelle Erholung. Er glaubt an eine fundamentale Neubewertung. Ob er recht hat, zeigt sich in den kommenden Quartalen. Aber als Frühindikator für Management-Conviction ist das schwer zu übertreffen.
Ein Hinweis noch: 87 Prozent der Aktien liegen bei institutionellen Investoren. Das bedeutet, Smart Money ist investiert und bleibt investiert. McDermott kauft nicht gegen den Markt – er setzt auf eine Position, die ohnehin stark gehalten wird. Das ist ein Unterschied zu einem verzweifelten Insider-Kauf bei einem fallenden Messer.
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Signal am Rand: Europa denkt neu
Die vergangenen Wochen haben Europa schmerzhaft daran erinnert, wie abhängig der Kontinent von Energieimporten ist. Und wie schnell diese Abhängigkeit zu einem strategischen Risiko wird.
Die Reaktion wird nicht sofort sichtbar sein – und ob sie schnell kommt, ist fraglich. LNG-Terminals stehen auf der politischen Agenda. Erneuerbare Energien bekommen rhetorischen Rückenwind. Pipeline-Projekte, die jahrelang in Regulierungsmühlen steckten, werden zumindest in Sonntagsreden priorisiert. Und Unternehmen, die Energie-Resilienz anbieten – sei es durch Speichertechnologie, Netzausbau oder alternative Versorgungswege – dürften strategisch relevanter werden.
Das ist kein kurzfristiges Trading-Thema. Das ist eine strukturelle Verschiebung, die über Jahre läuft – vorausgesetzt, die Politik setzt um, was sie verspricht. Wer langfristig denkt und Europa kennt, weiß: Der Wille ist da. Die Geschwindigkeit ist eine andere Frage.
Investmentgedanke: Die Wette auf das Happy End
Der Markt handelt gerade eine sehr spezifische Annahme: Die Diplomatie funktioniert, der Waffenstillstand wird verlängert, Hormuz bleibt offen, die Energiepreise normalisieren sich, und die Wirtschaft läuft weiter wie bisher.
Das kann passieren. Es ist sogar nicht unwahrscheinlich. Pakistan, China und Saudi-Arabien arbeiten daran. Trump will einen Deal. Iran will Sanktionserleichterungen. Alle Beteiligten haben Gründe, an einem Tisch zu bleiben.
Aber es ist eben eine Wette. Und Wetten haben zwei Seiten.
Wer heute Tech kauft, kauft die Hoffnung auf niedrigere Zinsen und stabiles Wachstum. Wer Energie hält oder aufbaut, kauft die Absicherung gegen das Gegenteil. Beides kann richtig sein – aber nur, wenn man weiß, was man tut.
Der Fear & Greed Index bei 69 zeigt, dass die Angst verschwunden ist. Das ist nicht per se schlecht. Aber es bedeutet auch, dass die Sicherheits-Cushion weg ist. Der nächste negative Impuls – sei es eine gescheiterte Verlängerung des Waffenstillstands, ein unerwarteter Inflationsanstieg oder eine enttäuschende Earnings Season – trifft auf einen Markt, der keine Puffer mehr hat.
Für langfristige Anleger heißt das nicht, sofort alles zu verkaufen. Es heißt: Verstehen, dass man gerade eine geopolitische Option handelt. Wer heute Tech kauft, kauft die Hoffnung auf Frieden. Wer Energie kauft, kauft die Absicherung gegen das Gegenteil. Wer beides hält, sollte wissen, was jede Position bedeutet – und in welchem Szenario sie funktioniert.
Schlussgedanke
Hoffnung ist ein legitimes Investment-Motiv. Wenn die Diplomatie funktioniert, werden die Skeptiker falsch gelegen haben, und die Optimisten werden profitieren. Das ist völlig in Ordnung.
Aber Hoffnung ist kein Plan. Sie ist eine Wette auf ein bestimmtes Szenario. Und wie bei jeder Wette gilt: Man sollte wissen, wie viel man bereit ist zu verlieren, falls das Szenario nicht eintritt.
In fünf Tagen endet der Waffenstillstand. Dann zeigt sich, ob die Märkte recht hatten – oder ob sie zu schnell zu viel eingepreist haben. Für langfristige Anleger ist das kein Signal für Panik. Aber es ist ein Signal, genau zu wissen, was man gerade hält – und warum.
Wer das versteht, kann die kommenden Wochen ruhig abwarten. Wer es nicht versteht, sollte jetzt darüber nachdenken.
Niko Repp
Kapitalfalke
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