Oracle: Der stille Profiteur des KI-Booms?
Viele Investoren sehen Oracle Corporation noch immer als Relikt aus einer früheren Software-Ära.
Eine Datenbankfirma.
Enterprise-Software.
Solide – aber nicht besonders dynamisch.
Doch diese Wahrnehmung beginnt sich zu verändern.
Während sich die Aufmerksamkeit des Marktes stark auf KI-Gewinner wie NVIDIA oder Cloud-Giganten wie Microsoft konzentriert, baut Oracle im Hintergrund eine strategische Position auf – im Fundament der KI-Ökonomie.
Dieses Fundament besteht aus zwei Dingen:
Daten und Rechenleistung.
Der strukturelle Vorteil: Daten
Oracle gehört zu den wenigen Technologieunternehmen, deren Software seit Jahrzehnten tief in den operativen Systemen großer Unternehmen verankert ist.
Die Oracle-Datenbank bildet in vielen Organisationen das zentrale System zur Speicherung und Verarbeitung geschäftskritischer Daten.
Diese Daten sind der entscheidende Rohstoff für moderne KI-Anwendungen.
Denn Unternehmen wollen KI nicht nur allgemein nutzen – sie wollen KI mit ihren eigenen Daten kombinieren.
Genau hier entsteht ein möglicher struktureller Vorteil für Oracle.
Im jüngsten Earnings Call erklärte das Management, dass viele Unternehmen ihre Daten zunehmend in Cloud-Umgebungen verschieben, um sie mit modernen KI-Funktionen kombinieren zu können.
Dabei zeigt sich ein interessantes Muster:
Viele Unternehmen trainieren keine eigenen großen Sprachmodelle, sondern verbinden bestehende Modelle mit ihren internen Daten.
Für einen Anbieter von Datenbank- und Cloud-Infrastruktur ist diese Entwicklung strategisch attraktiv.
Die zweite Säule: KI-Infrastruktur
Neben Datenbanken baut Oracle eine zweite strategische Säule auf: Cloud-Infrastruktur für KI-Workloads.
Dazu gehören unter anderem:
- GPU-Cluster für KI-Training
- Hochleistungs-Rechenzentren
- Cloud-Services für KI-Modelle
Nach Angaben des Unternehmens wächst dieses Geschäft derzeit sehr schnell.
Im jüngsten Quartal stieg der Umsatz mit KI-Infrastruktur um 243 % gegenüber dem Vorjahr.
Auch das Geschäft mit sogenannten Multicloud-Datenbankdiensten – also Oracle-Datenbanken innerhalb anderer Cloud-Plattformen – wuchs stark und legte um 531 % gegenüber dem Vorjahr zu.
Diese Wachstumsraten zeigen vor allem eines:
Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur ist derzeit außergewöhnlich hoch.
Nachfrage größer als Angebot
Oracle beschreibt die aktuelle Marktsituation ungewöhnlich klar.
Nach Aussagen des Managements übersteigt die Nachfrage nach KI-Rechenleistung aktuell sogar das verfügbare Angebot.
Um diese Nachfrage zu bedienen, baut das Unternehmen seine Infrastruktur massiv aus.
Oracle hat bereits mehr als 10 Gigawatt Stromkapazität für zukünftige Rechenzentren gesichert, die in den kommenden Jahren online gehen sollen.
Solche Energiemengen verdeutlichen die Dimension des aktuellen KI-Investitionszyklus.
Ein anderes Cloud-Modell
Der Cloud-Markt wird traditionell von drei großen Plattformen dominiert:
- Amazon Web Services
- Microsoft Azure
- Google Cloud
Oracle verfolgt jedoch eine etwas andere Strategie.
Statt ausschließlich auf eine eigene Cloud zu setzen, baut das Unternehmen gezielt Partnerschaften mit anderen Cloud-Anbietern auf.
So können Unternehmen Oracle-Datenbanken direkt innerhalb anderer Clouds betreiben.
Diese sogenannte Multicloud-Strategie adressiert eine Realität moderner IT-Architekturen: Viele Unternehmen nutzen mehrere Cloud-Plattformen gleichzeitig.
Ein weiterhin stabiles Softwaregeschäft
Neben Infrastruktur betreibt Oracle weiterhin ein großes Geschäft mit Unternehmenssoftware.
Dazu gehören Anwendungen für:
- Finanzmanagement (ERP)
- Personalmanagement (HCM)
- Lieferkettenmanagement (SCM)
Diese Cloud-Anwendungen erreichten zuletzt eine annualisierte Umsatzrate von 16,1 Milliarden Dollar.
Oracle integriert zunehmend KI-Funktionen direkt in diese Systeme.
Laut Management wurden bereits mehr als 1.000 KI-Agenten in verschiedene Anwendungen integriert.
Die Idee dahinter: KI soll nicht nur ein separates Tool sein, sondern direkt in den operativen Software-Systemen von Unternehmen arbeiten.
Wo Oracle sich noch beweisen muss
Trotz der starken Wachstumszahlen bleibt die strategische Entwicklung nicht ohne Risiken.
Wettbewerb im Cloud-Markt
Der Cloud-Infrastrukturmarkt ist weiterhin stark konzentriert.
Amazon, Microsoft und Google betreiben deutlich größere Cloud-Netzwerke und verfügen über enorme Investitionsbudgets.
Oracle wächst zwar schnell, startet aber von einer kleineren Basis.
Kapitalintensiver Infrastruktur-Ausbau
Der Aufbau von KI-Rechenzentren erfordert enorme Investitionen.
Datacenter-Kapazitäten, Stromversorgung und spezialisierte Hardware gehören zu den teuersten Infrastrukturprojekten der Technologiebranche.
Solche Investitionen können langfristig sehr profitabel sein – sie erhöhen aber auch die Abhängigkeit vom KI-Investitionszyklus.
Unsicherheit über die langfristige KI-Nachfrage
Der aktuelle KI-Boom führt weltweit zu massiven Investitionen in Rechenzentren.
Doch Technologiezyklen verlaufen selten linear.
Sollte sich die Nachfrage nach KI-Rechenleistung langsamer entwickeln als erwartet, könnten Teile dieser Infrastruktur vorübergehend unausgelastet bleiben.
Die eigentliche Frage für Investoren
Oracle ist kein typisches KI-Startup.
Das Unternehmen versucht nicht, den nächsten Chatbot zu bauen.
Stattdessen positioniert sich Oracle als Infrastruktur-Plattform für:
- Daten
- KI-Modelle
- Unternehmenssoftware
Wenn diese Strategie funktioniert, könnte Oracle eine wichtige Rolle in der technischen Infrastruktur der KI-Ökonomie spielen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Oracle KI nutzt.
Die entscheidende Frage lautet:
Wie groß kann diese Rolle tatsächlich werden?
(Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar.)