Rekord trotz Krieg

Rekord trotz Krieg
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Die Straße von Hormuz ist de facto geschlossen. Brent-Öl erreichte in dieser Woche kurzzeitig 126 Dollar — den höchsten Stand seit 2022. Die Federal Reserve hält die Zinsen fest und signalisiert keine Lockerung. Und der S&P 500 steht auf einem neuen Allzeithoch.

Das ist der Markt dieser Woche. Und er verdient eine Erklärung.


Markt-Snapshot

Der April war der stärkste Börsenmonat seit 2020. Der S&P 500 schloss erstmals über 7.200 Punkten, heute bereits bei 7.264 — neues Allzeithoch. Der Nasdaq notiert bei 24.892, ebenfalls Rekord. Der Dow Jones bei knapp 49.900 Punkten.

Der Fear & Greed Index steht bei 67 — Greed. Anfang April lag er noch bei 15, also Extreme Fear. Das ist kein gradueller Stimmungswandel. Das ist ein vollständiger Sentiment-Turnaround in weniger als vier Wochen.

Gleichzeitig: WTI-Öl bei rund 104 Dollar, Brent bei 110 Dollar. Die Fed hat die Zinsen unverändert belassen — Fed-Präsident Kashkari widersprach sogar ausdrücklich jeder Forward Guidance in Richtung Senkung. Die geopolitische Lage bleibt angespannt.



Beobachtung der Woche

Der Markt hat sich entschieden — nicht, den Krieg zu ignorieren, sondern durch ihn hindurchzuschauen.

Die Logik dahinter ist nicht irrational, nur sehr spezifisch: Der Markt handelt nicht die Gegenwart, sondern das wahrscheinlichste Szenario in sechs bis zwölf Monaten. Dieses Szenario lautet: Die Hormuz-Blockade endet irgendwann, der KI-Investitionszyklus hält an, die Earnings bleiben stark. Apple schlug die Erwartungen deutlich. Alphabet verzeichnete im April seinen stärksten Monat seit dem IPO. Caterpillar lieferte einen Gewinnsprung von 30%. Der Kreditmarkt steckte 3,1 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur.

Das ist die Geschichte, die der Markt erzählt. Und sie hat Substanz.

Die andere Geschichte hat sie auch. UN-Generalsekretär Guterres warnte in dieser Woche: Hält die Blockade bis Jahresmitte an, drohen 32 Millionen Menschen in Armut zu fallen. Irans Khamenei schloss einen Kompromiss bei Atom- und Raketenprogramm kategorisch aus. Das US-Zentralkommando prüft laut Berichten neue Militäroptionen. Die VAE traten aus OPEC+ aus — ein struktureller Riss in der globalen Energiearchitektur.

Entscheidend ist die Frage, die der Markt derzeit nicht stellt: Was, wenn die Wette falsch ist? Dann müsste er nachträglich einpreisen, was er heute ausblendet. Energiepreise, die strukturell hoch bleiben. Inflation, die wieder dreht. Eine Fed, die noch enger wird. Und Bewertungen, die auf einem Best-Case-Szenario ruhen.

Woran man erkennt, ob dieser Punkt kommt: wenn Öl nicht fällt, obwohl der Markt steigt; wenn Inflationserwartungen wieder anziehen; wenn der Sentiment-Turnaround abbricht. Noch ist das nicht eingetreten. Aber die Divergenz zwischen Marktpreis und geopolitischer Realität ist selten so ausgeprägt gewesen.


Chart der Woche

Fear & Greed Index — April 2026

Kein Chart beschreibt diese Woche besser als der Verlauf des Fear & Greed Index. Von 15 auf 67 in vier Wochen — das ist keine Erholung, das ist ein Regime-Wechsel in der Marktstimmung. Wer diesen Chart versteht, versteht, warum der Markt da steht, wo er steht. Und warum das keine Garantie ist, dass er dort bleibt.

Quelle: CNN Business Fear & Greed Index, Stand 1. Mai 2026


Aktie auf der Watchlist: Caterpillar (CAT)

Es gibt Unternehmen, die von einem Megatrend profitieren. Und es gibt Unternehmen, die ihn physisch bauen.

Caterpillar gehört zur zweiten Kategorie.

Das Signal kam gestern: Der weltgrößte Hersteller von Baumaschinen, Industriemotoren und Gasturbinen meldete für Q1 2026 einen Umsatz von 17,4 Milliarden Dollar — ein Plus von 22% gegenüber dem Vorjahr. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg um 30% auf 5,54 Dollar und übertraf die Analystenschätzungen um rund 22%. Das Auftragspolster erreichte mit 62,7 Milliarden Dollar einen neuen Rekord — ein Anstieg von 79% gegenüber dem Vorjahresquartal. Das bedeutet: Caterpillar hat mehr als drei Jahre Umsatz bereits fest gebucht.

Die Erklärung für diesen Sprung liegt nicht in der Baukonjunktur allein. Der Segment Power & Energy — Energieversorgung für Rechenzentren — wuchs um 48%. Caterpillar hat sechs Vereinbarungen mit Rechenzentrum-Betreibern über jeweils mindestens ein Gigawatt Leistungskapazität abgeschlossen. Das Unternehmen plant, seine Motorenkapazität bis 2030 auf das Dreifache des Niveaus von 2024 zu skalieren — und erhöhte sein langfristiges Umsatzwachstumsziel von 5–7% auf 6–9% jährlich. Im ersten Quartal wurden 5,7 Milliarden Dollar an Aktionäre zurückgegeben, davon 4,5 Milliarden über ein beschleunigtes Aktienrückkaufprogramm.

Der Investment Case: Caterpillar ist kein KI-Wert im klassischen Sinne. Aber Caterpillar ist der physische Boden, auf dem der KI-Boom gebaut wird. Rechenzentren brauchen Strom — und zwar sofort, bevor das Stromnetz nachgezogen hat. Caterpillars Gasturbinen und Großmotoren liefern genau diese Brückenlösung. Das ist ein struktureller Wachstumstreiber, der unabhängig vom Ausgang des Iran-Kriegs funktioniert — solange Hyperscaler weiter in KI-Infrastruktur investieren.

Die Kehrseite verdient ehrliche Betrachtung. Caterpillar wird mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 47 gehandelt — deutlich über dem Branchendurchschnitt von 27. Die Nettomargen sanken von 16,7% auf 13,1%, und die Analystenerwartung einer Rückkehr auf 17%+ ist bislang nicht eingetreten. Zölle belasteten Q1 mit rund 600 Millionen Dollar; für das Gesamtjahr werden 2,2 bis 2,4 Milliarden Dollar erwartet. Und Insider haben in den vergangenen drei Monaten Aktien im Wert von 99,5 Millionen Dollar verkauft — ohne einen einzigen dokumentierten Kauf. Der durchschnittliche Analystenkurs liegt bei rund 772 Dollar — knapp 14% unter dem aktuellen Kurs von ~890 Dollar.

Das Papier ist fair bewertet für das, was es bereits liefert. Und teuer für das, was noch kommen muss.

Quelle: TradingView

Signal am Rand

Die VAE verließen in dieser Woche offiziell OPEC+. Das ist mehr als ein Randvermerk. Es ist ein Zeichen dafür, dass die globale Energiearchitektur unter dem Druck des Iran-Krieges beginnt, sich neu zu ordnen — weg von kollektiver Steuerung, hin zu nationalen Interessen. Wer das für eine technische Meldung hält, unterschätzt, was passiert, wenn die wichtigsten Förderländer eigene Wege gehen. Die Fragmentierung der globalen Energiepolitik beginnt genau dann, wenn Energiesicherheit am meisten zählt.


Investmentgedanke

Zwei Geschichten laufen diese Woche parallel — und sie passen nicht zusammen, solange man sie getrennt betrachtet.

Geschichte eins: Der Markt auf Rekordhöhe. Starke Earnings. KI treibt Investitionen. Der Optimismus ist zurück — vollständig und schnell.

Geschichte zwei: Öl bei 110 Dollar, Hormuz blockiert, Fed ohne Spielraum, UN mit humanitären Warnungen.

Wer beide ernst nimmt, kommt zu einem nüchternen Schluss: Der Markt hat eine sehr spezifische Annahme eingepreist — dass Geschichte zwei bald endet. Gelingt das, war der Anstieg gerechtfertigt. Gelingt es nicht, wird der Markt nachträglich einpreisen müssen, was er heute ausblendet.

Wer Tech kauft, kauft die Hoffnung auf Frieden. Wer Energie kauft, kauft die Absicherung gegen das Gegenteil. Wer Caterpillar beobachtet, hält beide Themen gleichzeitig im Blick — denn das Unternehmen verdient an KI-Infrastruktur unabhängig davon, ob die Straße von Hormuz morgen öffnet oder erst in sechs Monaten.

Für langfristige Anleger bedeutet das nicht Aktionismus. Es bedeutet Selektion. In Phasen, in denen Makrorisiken wieder stärker in Bewertungen hineinspielen könnten, gewinnen strukturelle Wachstumstreiber an Gewicht — und verlieren reine Hoffnungswerte relativ dazu.


Schlussgedanke

Rekordmärkte und Krieg schließen sich nicht aus. Diese Woche zeigt das sehr klar.

Aber sie verlangen eine ehrliche Antwort auf eine einfache Frage: Was genau ist eingepreist — und was nicht? Der Markt hat sich für Optimismus entschieden. Das kann noch lange so bleiben. Wer langfristig denkt, sollte nur wissen, worauf er dabei wettet.

Wenn dieser Brief etwas liefert, das euch weiterbringt — teilt ihn gerne mit jemandem, dem er nützen könnte.


Niko Repp
Kapitalfalke

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Der Kapitalfalke Brief dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Alle Inhalte spiegeln die Einschätzung des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wider und können sich jederzeit ändern. Investitionsentscheidungen sollten stets auf eigener Recherche oder nach Rücksprache mit einem qualifizierten Finanzberater getroffen werden.

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